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Im Zeichen des Blütenstaubes

Die Lage hat sich kaum wieder normalisiert und ich persönlich bin immer noch weitgehend auf unser behagliches Zuhause beschränkt. Das gilt jedoch nicht für alle im Haus. Deswegen entwarfen Anita und ich einen vagen Plan (unsere liebste Art der Planung) um noch einmal drei Tage mit dem Velo unterwegs zu sein. Als Genusstour für ihre letzten sonnigen und freien Tage vor der Arbeit, natürlich wieder mit etwas Felsklettern um für Abwechslung zu sorgen. Da ihre Schwester auch klettern wollte, konnten wir die Ausrüstung bei ihr deponieren um sie nicht auf dem Velo schleppen zu müssen. Das kommt meiner Vorstellung von einer Luxusreise schon sehr nahe!

Der Wetterbericht für diese drei Tage fiel für den Schweizer Frühling eher ungewöhnlich aus: Es sollte, wie schon fast den ganzen April, heiss und sonnig bleiben. Auf allem, was wir im Freien gelassen hatten, war bereits eine dicke Schicht Blütenstaub zu sehen. Die Bäume scheinen in diesem Jahr einen Riesenspass zu haben und tauschen bei wenig Regen eifrig ihre Gene aus.

Für diesen Ausflug fuhren wir nicht nach Norden in den Jura, sondern nach Süden, Richtung Interlaken, und mit einem grosszügigen Rückenwind flogen wir quasi die Aare hoch. Dort beginnt die Berner Oberland Route, Nummer 61. Eine schmucke Möglichkeit den Thunersee und die dahinter liegenden Berge, von einem hohen Aussichtspunkt aus zu bestaunen; ausserdem super Training für die Oberschenkel. Die Steigungen werden jedoch nie zu extrem und wir genossen die über 1000 Höhenmeter, die uns immer wieder mit immer spektakulären Aussichten und idyllischen Dörfern belohnten. Der Höhepunkt des Tages war das letzte Stück durch das Justistal. Eine kleine Mautstrasse mit wenig Verkehr im Schatten des Niederhorns, mit Aussicht auf die Berge auf der anderen Seite des Sees. Wir fanden einen beschaulichen Forstweg mit Übernachtungsplatz auf der Ostseite des Tals und beobachteten den Sonnenuntergang bei einem kühlen Bier aus Sigriswil, gefolgt von einer gewaltigen Menge Nudeln – einer der Hauptvorteile und Nebeneffekte der Kilometer und Hügel des Tages.

Am nächsten Morgen zogen wir uns alle warmen Schichten über und genossen es, in 30 Minuten den Berg wieder hinunterzuflitzen, um Raffi in Interlaken am Bahnhof abzuholen. Dann erfuhren wir, dass sie einen früheren Zug genommen hatte und trafen sie am Fels, wo wir einen ziemlich ernsthaften Klettertag verbrachten. Nicht, dass es keinen Spass gemacht hätte, ganz im Gegenteil, aber wir waren bei den letzten Veloabenteuern immer ein wenig zu pressiert oder zu erschöpft, um an der Wand viel aus uns herauszuholen. Es tat gut einen ganzen Tag einzuplanen um unserem Körper die Möglichkeit zu geben, sich an die verschiedenen mentalen und physischen Anforderungen des Kletterns anzupassen. Dadurch konnten wir auch verhätnissmässig schwierigere Routen probieren und durchsteigen. Aus irgendeinem Grund gibt es keine Bilder vom Klettern, abgesehen von einer grossen ramponierten Motte, die auf meinem Schuh gelandet ist und dort den grössten Teil unserer Mittagspause verbrachte. 

Der Abend nach diesem Tag im Klettergarten war zum Sterben schön. Wir sassen am See, sahen zu wie die Sonne sich langsam auf die Berge herabsenkte, hüpften kurz in den See, assen Pizza und genossen die tolle Atmosphäre. Am Vortag hatten wir auf dem See gelbe Streifen gesehen, grosse Schlieren aus Blütenstaub, die der Wind herbeigetragen hatte; am Ufer zog sich dieser Trend weiter. Der gesamte Rand des Sees, den wir ausmachen konnten, war mit Blütenstaub bedeckt. Das Wasser hatte eine faszinierende blassgoldene Farbe. Beim Schwimmen hat man davon aber nicht viel gespürt. Ich bin froh nicht auf das Zeug allergisch zu sein.

In der zweiten Nacht schliefen wir wieder auf dem Boden, immer noch in Interlaken, versteckt in einigen Büschen am Brienzersee. Ein schöner, aber sicherlich nicht gern gesehener Schlafplatz. Wir warteten, bis sich die Dunkelheit schon fast vollständig über uns gelegt hatte und genossen die Abendstimmung am See. Gerade als wir anfingen unsere Matten und Schlafsäcke hinzulegen, hörten wir eine Stimme und erstarrten, bis wir merkten, dass ein Pärchen, nicht unweit von uns, gerade dabei war sehr ungeniert und geräuschvoll zusammen zu schlafen. Auf merkwürdige Art und Weise waren meine Befürchtungen, in der Nacht geweckt zu werden, verflogen. Als die beiden dann fertig waren genossen wir die 8 Stunden Ruhe und Stille der Nacht.

Tag drei bestand aus gemächlichen 85 km in eher flachem Gelände und mit wenig Essen in den Taschen. Wir starteten sehr früh mit Müesli und Yoga am See und verfluchten den bogenförmigen Berg, der dem aktuellen Weg der Sonne entspricht und ihr Erscheinen für über eine Stunde verzögert. Anschliessend radelten wir auf der Route 8 dem Thunersee entlang, welche mitunter etwas öde sein kann, da sie über einige Strassen mit viel Verkehr führt. Der Wald bei Thun bot jedoch eine Fülle von Abenteuern! Da gab es eine kleine Flussquerung für Militärfahrzeuge, die ich (beim zweiten Versuch) gerade so mit dem beladenen Velo schaffte, eine grosse natürliche Höhle mit wunderschönen Stalaktiten und einen scheinbar von Menschenhand geschaffenen Tunnel, durch den wir hindurchgekrochen sind. Der Tunnel forderte meinem lädierten Telefon den letzten Atemzug ab, wahrscheinlich, weil ich zu viel Druck darauf ausgeübt habe als ich mich durch den engsten Teil des Tunnels zwängte.

Nach einer Mittagspause am Ufer des Thunersees, mit einer grosszügigen Portion Brot, Käse und Schokolade, trotzten wir dem Gegenwind bis nach Bern. Anita hatte mir meinen Rat, die kleineren Steigungen zu attackieren, bei früheren Touren bis jetzt nicht abgekauft. Doch plötzlich war sie auf vielen der letzten kleinen Hügel, auf dem Weg nach Hause, schneller als ich. Wir kamen am Nachmittag an, streckten unsere Beine und genossen einen weiteren goldenen Abend.